Fetale Alkoholspektrums-Störungen – Kurzüberblick
Das Fetale Alkohol-Syndrom (FAS) wurde international 1973 von Jones und Smith bekannt
gemacht, während die Erstbeschreibung durch Lemoine in Nantes
bereits 1968 erfolgte,
jedoch wenig zur Kenntnis genommen wurde.
Erste Hinweise auf FASD finden sich jedoch bereits in der Bibel:
„Gewiss, Du bist
unfruchtbar und hast keine Kinder; aber Du sollst schwanger werden und
einen Sohn
gebären. Nimm dich jedoch in acht und trink weder Wein noch Bier und iss
nichts Unreines!“ (Buch der Richter 13, 3-4).
Konkrete Anhaltspunkte, dass Alkoholkonsum während der Schwangerschaft (Alkohol-
exposition) den Säugling schädigen kann, ergaben sich während der Gin-Epidemie
(1720-1750) in England. In diesem Zeitraum stiegen Produktion und Verbrauch von Gin.
1736 stellte ein Komitee in Middlesex fest, dass Kinder schwach und kränklich geboren
wurden und häufig eingefallen und alt aussahen (Löser, 1995).
Die weltweite Inzidenz (Auftretensrate) von FAS in der Allgemeinbevölkerung wird
auf
0.5 bis 2 von 1.000 Geburten geschätzt. Die Inzidenz steigt sogar auf eine von
100 Geburten, also auf 1% aller Geburten, wenn man die alkoholbedingten neurologischen
Entwicklungsstörungen (ARND) und die alkoholbedingten Geburtsschäden (ARBD)
hinzunimmt (May & Gossage, 2001). Damit stellen Fetale Alkoholspektrum-Störungen
(FASD) zusammen mit dem Down-Syndrom die häufigsten angeborenen Behinderungen
dar. Jedoch ist die Fetale Alkoholexposition eine der wenigen Ursachen für geistige Behinderung, die völlig vermeidbar ist. Die Kosten für die Gesellschaft, die durch diese
Behinderung entstehen, sind enorm hoch. Amerikanische Zahlen gehen von lebenslangen
Kosten für einen Betroffenen in Höhe von 2.000.000 US Dollar aus.
Alkohol ist für das ungeborene Kind ein teratogener Schadstoff (Teratologie = Lehre von
Missbildungen), da durch die Alkoholexposition im Mutterleib eine Vielzahl von dauerhaften
Behinderungen und Schädigungen beim betroffenen Kind auftreten können. Dazu zählen
Minderwuchs, körperliche Missbildungen und Schädigungen des zentralen Nervensystems.
Zu den schweren Langzeitschäden gehören Verhaltensstörungen und intellektuelle
Beeinträchtigungen, die bis in den Bereich der schweren geistigen Behinderung reichen.
Die klinischen Symptome werden als „Alkoholembryopathie“, „Fetales Alkoholsyndrom“
oder mit dem umfassenderen Begriff als Fetale Alkoholspektrum-Störungen (FASD)
bezeichnet.
Auf dieses Problem sind wir als Berliner Kinderheim aufmerksam geworden, weil wir von
FASD betroffene Personen seit 10 Jahren – konsiliarisch begleitet von Prof. Dr. Spohr –
betreuen. Wir haben uns auf die Betreuung, Diagnostik und Integration dieser Kinder,
Jugendlichen und Erwachsenen spezialisiert.
Überblick über Internationale Diagnosekriterien der Fetalen Alkoholspektrum-
Störungen (FASD)

Fetales Alkoholsyndrom (FAS)
Beim sogenannten Vollbild liegen in allen drei Bereichen Auffälligkeiten vor. Nach dem
Insitute of Medicine IOM (Washington, 1996) kann diese Diagnose mit bzw. ohne belegte
Alkoholexposition gestellt werden.
Fetale Alkoholeffekte (Partial Fetal Alcohol Syndrome PFAS)
Fetale Alkoholeffekte werden diagnostiziert, wenn nur in zwei der drei Bereiche Auffälligkeiten vorliegen. Zusätzlich zu den Dysmorphiezeichen liegt eine Wachstumsminderung oder eine Dysfunktion des zentralen Nervensystems vor.
Auch diese Diagnose wird unterschieden in Fetale Alkoholeffekte mit bzw. ohne
Nachweis einer Alkoholexposition.
Alkoholbedingte Geburtsschäden (Alcohol Related Birth Defects ARBD)
Zur Symptomatik gehören Dysmorphiezeichen und ggf. Missbildungen im Skelett-
und Organsystem. Dazu zählen Abnormalitäten des Herzens, der Augen, Ohren,
Nieren oder der Knochen.
Alkoholbedingte neurologische Entwicklungsstörung
(Alcohol Related Neurodevelopmental Disorder ARND)
Auch die Diagnose ARND wird nur bei belegter Alkoholexposition gestellt. Die Betroffenen
zeigen keine körperlichen Anzeichen (Wachstumsminderung, typische Gesichtszeichen),
die Dysfunktion des zentralen Nervensystems ist jedoch vorhanden.
Diagnosekriterien – 4-Digit Code (2004)
1. Prä- und postnatale Wachstumsminderung
(verminderte Körperlänge, vermindertes Körpergewicht)
2. Dysmorphiezeichen (=alle drei typischen Auffälligkeiten im Gesicht: schmale Lidspalten,
schwach modelliertes Philtrum („Rotzrinne“), schmale Oberlippe)
3. Dysfunktion des zentralen Nervensystems
– Strukturell (z.B. kleiner Kopfumfang, Auffälligkeiten in bildgebenden Verfahren.)
– Neurologisch ( z.B. Auffälligkeiten im EEG, Anfälle, Fieberkrämpfe)
– Funktionell (Intelligenzminderung, Teilleistungsstörungen,
Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivität, motorische Defizite,
Defizite in exekutiven Funktionen, problematisches Sozialverhalten,
Gedächtnisdefizite, Wahrnehmungsstörungen…)
deutliche Beeinträchtigung in mind. 3 Bereichen
4. Pränatale Alkoholexposition
Der Grad der Beeinträchtigung wird im Anschluss an die Diagnostik in Zusammenfassung
aller Teilbereiche gewichtet. Informationen und Hilfestellungen dafür werden wir demnächst
auf der Homepage unserer Beratungsstelle veröffentlichen.
Therapie und Betreuung
Eine frühe Diagnosestellung – möglichst noch vor dem 6. Lebensjahr – zählt neben
– hochstrukturierter Betreuung,
– intensiver Förderung (übende Therapien, Trainings),
– Neuropsychologischer Psychotherapie,
– Erhalt sozialer Bezüge,
– Anpassung der Anforderungsstrukturen an die Fähigkeiten
zu den Schutzfaktoren. Vermeiden und mildern kann man die sekundären Störungen
in den Bereichen dissozialer Entwicklung, Substanzmißbrauchs, sowie unangemessenen
Sexualverhaltens etc.
Häufige komorbide Störungen sind Depressionen, Angsstörungen, Bindungsstörungen,
ADS und ADHS, die jeweils störungsspezifisch behandelt werden sollten.
Für weitere Informationen empfehlen wir Ihnen die Homepage unserer Beratungsstelle
für alkoholgeschädigte Kinder www.fasd-beratung.de,
sowie
die von FASworld e.V. Deutschland www.fasworld.de.
Gela Becker-Klinger
Dipl.-Psych./ Fachl. Leitung
Stand 09.05. 2007
Quellen:
1. Astley, S.J. (2004): Diagnostic Guide for Fetal Alcohol Spectrum Disorders:
The 4-Digit Diagnostic Code. University of Washington, Seattle
2. BzgA (2002): Alkohol in der Schwangerschaft – ein kritisches Resümee.
Forschung und Praxis in der Gesundheitsförderung, Bd. 17
3.
Hoyme, H.E. et al, (2005): A Practical Clinical Approach to Diagnosis of Fetal Alcohol Spectrum Disorders: Clarification of the 1996 Institute of Medicine Criteria.
Pediatrics, 115 (1), pp. 39-47
4.
National Center on Birth Defects and Developmental Disabilities (2004):
Fetal Alcohol Syndrome: Guidelines for Referral and Diagnosis. Rasmussen, C. (2005): Executive Functioning and Working Memory in Fetal Alcohol Spectrum Disorder.
Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 29 (8) pp. 1359-1367
5.
Spohr, H.L. (2005): Teratogene Effekte von Nikotin, Drogen und Alkohol.
Gynäkologe, 38 (1), pp. 25-32
6.
Spohr, H.L., Willms, J. & Steinhausen, H.-C. (2007): Fetal Alcohol Spectrum Disorders
in Young Adulthood. Pediatrics, 150 pp. 175-179
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